Monate in der Schwerelosigkeit haben einen enormen Einfluss auf den menschlichen Körper. Zurück auf der Erde muss er sich wieder langsam an die Bedingungen auf der Erde anpassen. Kreislauf, Gleichgewicht, Muskulatur, Koordination oder auch die Flüssigkeitsverteilung im ganzen Körper. Und auch physiologisch ist die Rückkehr aus der Schwerelosigkeit fordernd. «Ein wichtiges raumfahrtmedizinisches Thema sind die Augen, die sich in der Schwerelosigkeit verändern, zum Beispiel die Sehstärke betreffend. Oder der Sehnerv kann dicker werden», erläutert Prof. Hoyer.
Rückenmuskulatur im All unterbeschäftigt
«Das und viel mehr kontrollieren wir nach der Rückkehr zur Erde. So wissen wir, dass die Koordination unter ‚normaler‘ Schwerkraft zunächst schwierig ist. Um die Ecke laufen wird auf einmal zur Herausforderung. Und auch der Blutdruck muss sich erst wieder an die Umstände hier unten gewöhnen. Das sind die wichtigsten Felder, die wir hier im :envihab angehen – neben der Rückenmuskulatur, die auf der ISS einfach nicht arbeiten muss.»
Ärztin während Aussenbordeinsatz reaktionsbereit
Für Sophie Adenot ist Prof. Bimba Hoyer auch in dieser letzten Missionsphase eine zentrale Ansprechpartnerin. Die Ärztin des DLR-Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin und der ESA begleitet die Astronautin bereits über die gesamte Mission als Fliegerärztin. Diese Rolle reicht weit über medizinische Routinen hinaus: Hoyer ist Schnittstelle zwischen ‚ihrer‘ Astronautin, dem medizinischen Bodenteam und dem wissenschaftlichen, organisatorischen und technischen Missionsbetrieb. Beim EVA, dem herausfordernden und mehrere Stunden dauernden Aussenbordeinsatz – im Englischen wie Deutschen oft etwas despektierlich «Space Walk» beziehungsweise «Weltraumspaziergang» genannt – war Prof. Hoyer aus dem Kontrollraum der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA in Houston live dabei und stets reaktionsbereit, sollten medizinische Fragen ad hoc zu klären sein.
Adenot selbst «Versuchsobjekt»
Während ihres Aufenthalts im All führte Adenot eine Vielzahl wissenschaftlicher Experimente aus unterschiedlichen Disziplinen durch. Dabei war sie entweder selbst das «Versuchsobjekt» oder übernahm die Durchführung der Experimente als «verlängerter Arm» der jeweiligen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Erde. Die Versuche decken ein breites Spektrum ab, darunter Medizin und Physiologie, körperliche Leistungsfähigkeit, Mikrobiologie, Geowissenschaften und Raumfahrttechnologie.
Körperliche Höchstleistung ohne Schwerkraft
Während ihrer Mission wurde Sophie Adenot zur europäischen Astronautin mit dem längsten Raumflug. Anfang September 2026 überschritt sie die Marke von 200 Tagen im Orbit. Sie absolvierte ausserdem innerhalb von 15 Tagen drei Weltraumausstiege und verzeichnete dabei in Summe fast 20 Stunden EVA-Zeit. Das alles sind körperliche Höchstleistungen. Aber eben alles ohne Schwerkraft. Nicht jede körperliche Veränderung nach Monaten im All ist nach der Rückkehr in die Schwerkraft ein medizinisches Problem. Vieles gehört zur erwarteten physiologischen Anpassung durch die Langzeitmission, zu der es ein spezielles, ausgereiftes Trainingsprogramm zur Wiedergewöhnung an die Gravitation gibt.
Vertrauensverhältnis gewachsen
Reine Untersuchungsdaten und Messwerte sind zwar wichtig, aber sie ergeben noch kein medizinisches Gesamtbild. Was berichtet die Astronautin selbst? Hat sie Beschwerden? Welche subjektiven Beobachtungen lassen sich mit medizinischen Daten verbinden? Das Direct-Return-Programm dauert in der Regel zehn bis 14 Tage. Auch dabei kommt die besondere Rolle und Nähe der Missionsärztin Bimba Hoyer zum Tragen, die Adenot über die gesamte Zeit sehr gut kennen- und einschätzen gelernt hat. 21 Monate vor dem Launch im Februar dieses Jahres kamen die Fliegerärztin mit ihrer Astronautin zusammen – genug Zeit, damit ein Vertrauensverhältnis wachsen konnte. Und so werden Adenot, Hoyer und das Team von DLR und ESA die Mission εpsilon mit ihrem holistischen Ansatz und dem ausgefeilten Programm am :envihab wissenschaftlich wie medizinisch zu einem erfolgreichen Abschluss bringen.
Heimat für die ersten Tage nach der Rückkehr
Die Betreuung europäischer Astronauten und Astronautinnen im :envihab – der luft- und raumfahrtmedizinischen Forschungseinrichtung des DLR – unmittelbar nach ihrer Landung auf der Erde erfolgt nun seit Jahren in Teamarbeit zwischen DLR und ESA. Alexander Gerst war 2014 der erste ESA-Astronaut, der von seiner ISS-Mission Blue Dot direkt nach Köln zurückkehren konnte. Das :envihab ist für die Rückkehrenden nicht nur der Ort, an dem die Experimente und Untersuchungen stattfinden – es ist ihre «Heimat» für die ersten Tage nach der Landung. Dazu werden Räumlichkeiten für die Crew und Familienangehörige wohnlich hergerichtet: Schlafräume, Wohnbereich, Küche und Bäder in einem privaten, abgeschlossenen Bereich bieten den Zurückkehrenden für die erste Zeit einen Rückzugsort nach der aufregenden Mission.
Weitere wissenschaftliche und medizinische Experimente
Neben der Unterstützung der Rückkehrenden bei der Wiedergewöhnung an das Leben auf der Erde geht es bei einem Direct Return stets gleichzeitig auch um weitere wissenschaftliche, medizinische Experimente. Deren Durchführung gehört noch genauso zur Mission wie der Aufenthalt auf der ISS. Das Ziel der Arbeit im :envihab ist es, immer bessere Informationen über die Auswirkung der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper zu erhalten. Auf dieser Grundlage werden die Trainingsprogramme vor, während und nach dem Weltraumaufenthalt sowie weitere geeignete Gegenmassnahmen für die negativen Effekte der Schwerelosigkeit entwickelt.





