Am 1. August 2026 um 9:13 Uhr haben sich die schweren Doppeltüren im :envihab, der luft- und raumfahrtmedizinischen Forschungsanlage des DLR, wieder geöffnet. Wie lautet die erste, spontane Bilanz der Crew? Eine unterstützende, anpassungsfähige, sich ergänzende und tolerante Mannschaft, die zusammenhält, ist für den Erfolg von entscheidender Bedeutung. Der Kontakt und die Unterstützung durch Familie und Freunde geben ein Gefühl von Verbundenheit. Eine offene und transparente Kommunikation ist entscheidend. Eine Balance zwischen Struktur, Disziplin und Spass lässt den Tag wie im Flug vergehen. Das sind einige der Punkte, die die Crew spontan als Fazit notiert hat. Der erste Weg führte die Crew nach draussen, auf eine Wiese in den Sonnenschein. Zur Begrüssung gab es ausserdem frisches Obst, Croissants und Kaffee, was die Studienteilnehmer sehr zu schätzen wussten.
Sieben Tage bis zum Alltag
Die folgenden Tage hat die Crew weiterhin gemeinsam verbracht, allerdings ausserhalb des SOLIS100-Moduls und mit deutlich weniger strikten Regeln. Familie und Freunde kamen zum Beispiel zu Besuch, das Essen konnte frei gewählt werden und private Mobilgeräte durften wieder genutzt werden. Auch diese Zeit ist Teil der Studie und richtet einen Schwerpunkt auf die Auswirkungen direkt nach dem Ende der Isolation. Ab dem 7. August kehrten die Crew-Mitglieder in ihre gewohnte Umgebung und in ihren Alltag zurück. 23 beteiligte Forschungsteams werten nun die gewonnenen Daten aus.
Lange Missionen mit extremen Bedingungen stellen spezielle Herausforderungen
«Zukünftige Raumfahrtmissionen werden die Erdumlaufbahn verlassen und weit entfernte Ziele wie den Mond oder Mars im Blick haben. Da dies mit langen Missionszeiten unter begrenzten Ressourcen und weit weg vom gewohnten sozialen Umfeld einhergeht, ist es wichtig, Astronautinnen und Astronauten auf die psychologischen und körperlichen Herausforderungen vorzubereiten», sagt Dr. Anke Pagels-Kerp, Bereichsvorständin Raumfahrt des DLR. «Missionen zum Mond und zum Mars erfordern psychische und physische Belastbarkeit, Selbstständigkeit und die Fähigkeit, in isolierten und beengten Umgebungen zu bestehen. Um solche Missionen erfolgreich durchzuführen und die Sicherheit von Astronauten und Astronautinnen zu gewährleisten, erforschen wir die Auswirkungen dieser extremen Bedingungen.»
Internationale Crew und Leben wie auf der ISS
Die sechs Crewmitglieder wurden in einem aufwendigen Prozess ausgewählt. Sie mussten viele Voraussetzungen erfüllen, die auch für Astronautinnen und Astronauten gelten. Während der 100 Tage hatten sie nur über eine Sprechanlage Kontakt zum «Mission Support». Einmal wöchentlich war eine zweistündige Konferenz mit bis zu fünf vorher festgelegten Personen möglich. Die internationale SOLIS100-Crew kommt aus Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Polen und Portugal. Die Crew hatte einen ähnlichen Tagesablauf wie Astronautinnen und Astronauten auf einer Mission: Die Crewmitglieder haben an wissenschaftlichen Aufgaben gearbeitet, medizinische Daten erhoben, hatten ein striktes Sportprogramm und waren für die Instandhaltung ihrer Station zuständig.
Haushalten in der Isolation
«SOLIS100 ist eine Studie, die zum Ziel hat, eine Standardisierung herzustellen. Das heisst, wir möchten für zukünftige Studien vergleichbare Daten haben. Sie dienen als Basis, wenn man zum Beispiel Massnahmen erforschen möchte, die einer Crew bei langen Missionen helfen», sagt Dr. Amelie Therre, DLR-Leiterin von SOLIS100. «Wir haben insgesamt viele Aspekte berücksichtigt, die auch für eine echte Raumfahrtmission gelten. Alle Ressourcen, die wir am Anfang in die Isolation hereingegeben haben, mussten reichen.» Dazu gehörte neben Alltagsdingen wie Klopapier oder Putzmittel auch das Essen: Ein Kühlschrank stand nicht zur Verfügung, sondern nur ein Wasserkocher und eine Mikrowelle, um Essen zuzubereiten. Zusätzlich gab es haltbare verpackte Nahrung, keine frischen Lebensmittel. Das Essen war ausgewogen und das Ernährungskonzept hat gut funktioniert.
Daten zu Leistungsfähigkeit, Stimmung, Schlaf und Zusammenhalt
Mit Fragebögen, Tests und ausführlichen Untersuchungen in einem Assessment-Center hatte das Studienteam zunächst die physische und psychische Eignung der Bewerbenden festgestellt. Da die Studiensprache Englisch ist, waren sehr gute Englischkenntnisse erforderlich. Inklusive Vorbereitung und anschliessender Erholungsphase, die am 7. August 2026 abgeschlossen ist, umfasste SOLIS100 insgesamt 126 Tage. Die Isolationsphase begann am 23. April 2026. Während der einwöchigen Nachuntersuchungen wurden unter anderem Daten zur körperlichen und kognitiven Leistungsfähigkeit, zu Stimmung, Schlaf und Crew-Zusammenhalt erhoben. Diese Informationen hat das Studienteam auch vor und während der Isolation erfasst. So kann das Team Entwicklungen und Auswirkungen der Isolation feststellen. «Um künftige Raumfahrmissionen sicher durchführen zu können, müssen wir ganz neue Technologien entwickeln, die eine autonome medizinische Unterstützung der Crews ermöglichen. Auch dafür ist SOLIS100 eine hervorragende Plattform», ergänzt Prof. Jens Jordan, Direktor des DLR-Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin.
Zweck der Mission: Leben in einem engen Habitat
Eine Reise zum Mond dauert etwa drei Tage. Auf dem Weg zum Mars sind Astronautinnen und Astronauten ungefähr sechs Monate unterwegs. Und das auch nur, wenn Mars und Erde in einer günstigen Konstellation zueinander stehen. Wer monatelang in einer Raumkapsel unterwegs ist oder hunderttausende Kilometer entfernt in einer Mond-Basis wohnt, muss mit aussergewöhnlichen Bedingungen umgehen: Man muss sich nicht nur mit Mitreisenden verstehen, sondern auch mit dem begrenzten Platz im Habitat und der Entfernung zur Heimat zurechtkommen, mit Ressourcen haushalten und erfolgreich für die Mission arbeiten. Deswegen untersucht die Studie SOLIS100 die psychischen und physischen Auswirkungen, die mit der Isolation und der beengten Umgebung während Langzeitmissionen einhergehen.










