Es war teuer, sehr teuer. Die Rede ist vom «Future Combat Air System» FCAS. Es sollte ein gemeinsames Luftkampfsystem von Deutschland, Frankreich und Spanien mit bemanntem Kampfjet, Drohnen und vernetzter Führung werden. Das Projekt geriet jedoch durch nationale Industrieinteressen, Streit um Technologiehoheit, Arbeitsanteile und Führungskompetenzen ins Stocken. Das Programm hätte aus einer Reihe von Systemen bestanden: Kampfflugzeuge der sechsten Generation, die mit Drohnen zusammenarbeiten und über eine sogenannte Combat Cloud verbunden sind. Ein Hauptrolle dabei hätte der Tarnkappen-Jet gespielt. Hätte: Denn dieser wird nun nicht gebaut. Doch nun eröffnen sich neuen Perspektiven.
«Team Gen 6»
Denn die deutsche und französische Regierung haben eine Neuausrichtung des europäischen Future Combat Air System (FCAS) angekündigt, wie Airbus Defence and Space mitteilt. Während die Entwicklung des übergeordneten «System of Systems» so wie bislang voranschreitet, erfordert die Entwicklung des darin integrierten Kampfflugzeugs der sechsten Generation ein neues, handlungsfähiges industrielles Setup. Deshalb haben sich acht führende deutsche Verteidigungs- und Luftfahrtunternehmen zum «Team Gen 6» zusammengeschlossen, wie Airbus mitteilt. Diese Partnerschaft verbinde Kompetenzen, Erfahrungen und Fähigkeiten, die – gemeinsam mit weiteren europäischen Partnern – für die Entwicklung und Bereitstellung eines Kampfjets der 6. Generation notwendig sind. Die Integration eines solchen Kampfflugzeugs sowie weiterer bestehender und künftiger, bemannter und unbemannter Plattformen in das System of Systems soll Europas Luftkampfsystem der Zukunft darstellen. Eng verzahnt mit den deutschen Partnern formiert sich auch die spanische Industrie mit den Unternehmen Indra, Airbus Defence and Space, Grupo Oesia, GMV, ITP und Sener. Nicht mehr dabei ist offenbar Dassault Aviation.
Neues Setup unverzichtbar
In einem gemeinsamen Statement liessen die CEOs von Airbus Defence and Space, AUTOFLUG, Diehl Defence, HENSOLDT, Liebherr, MBDA Deutschland, MTU Aero Engines und Rohde & Schwarz verlauten: «Die geopolitischen Entwicklungen machen die konsequente Befähigung der Luftstreitkräfte zur Landes- und Bündnisverteidigung strategisch zwingend notwendig. Wir begrüssen daher die klare politische Entscheidung. Ein effektives neues Setup ist jetzt unverzichtbar, um unser gemeinsames Ziel zu erreichen: Ein überlegenes europäisches Luftkampfsystem für unsere kollektive Sicherheit.»
Schlüsseltechnologien für Sicherheit und Wirtschaftsstandort
Die deutsche Industrie habe hier in den vergangenen Jahren entscheidende Pionierarbeit geleistet, heisst es in der Mitteilung von Airbus: Schlüsseltechnologien reichen von modernster Sensorik und Selbstschutzsystemen bis zu Missionsmanagement und elektromagnetischer Kampfführung. Hinzu kämen Stealth (Low Observability), KI-gestützte, resiliente und sichere Echtzeitvernetzung (Edge-Computing), militärische Kommunikation und Elektronik, Triebwerkstechnologien, Flugsteuerung, Bord-, Rettungs- und Sicherheitssysteme sowie präzise Effektoren. Über den militärischen Nutzen hinaus würden diese Innovationen – die auch der zivilen Nutzung dienen – langfristig hochqualifizierte Arbeitsplätze sichern und europäische Lieferketten stärken.
Kooperation auf Augenhöhe
Die beteiligten Unternehmen betonen ausdrücklich ihren Willen zur multinationalen Zusammenarbeit. Eine umfassende europäische Partnerschaft auf Augenhöhe könne nur gelingen, wenn sie von starken nationalen Industrien getragen und durch politischen Willen untermauert wird. «Wir können die technologischen und finanziellen Herausforderungen der sechsten Generation nur gemeinsam als Europäer bewältigen» betonten die Partner. Wahre Kooperation zeige sich darin, funktionierende, pragmatische Lösungen zu finden.
Das Team Gen 6
Airbus Defence and Space verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in der Entwicklung, dem Bau und der Wartung von bemannten und unbemannten Militärflugzeugen sowie vernetzten Systemen. Das Unternehmen deckt das gesamte Spektrum von der Entwicklung über die Zertifizierung bis zum Lebenszyklus-Management ab und führt erfolgreich multinationale Großprogramme im europäischen Industriekontext.
AUTOFLUG agiert als mittelständischer Systemlieferant mit Fokus auf den Pilotenschutz (Human Performance Enhancement), die Mensch-Maschine-Schnittstelle sowie modernste Kraftstoffsysteme in der Luftfahrt.
Diehl Defence ist ein weltweit führender Systemanbieter von High-Tech-Ausrüstung für Streitkräfte. Das Portfolio umfasst Lenkflugkörper, Aufklärungs- und Cyber-Abwehrlösungen sowie Schlüsselkomponenten wie Infrarotdetektoren, Zündsysteme und militärische Batterien.
HENSOLDT ist das führende deutsche Systemhaus für Sensorik, plattformübergreifende Sensorfunktionalitäten, Elektronische Kampfführung (Electronic Warfare), Selbstschutzsysteme und Missionsmanagement.
Liebherr hat seine Systemfähigkeit auf den fliegenden Plattformen Eurofighter, A400M, Tiger, NH90 und H145M in den Bereichen Flugsteuerung, Hydraulik und Fahrwerk sowie Klima-/Luftmanagement nachgewiesen. Diese wird in den Bereichen dezentrale Hydraulik-Versorgung und Fahrwerksystem bei der Eurodrohne ergänzt. Liebherr verfügt grundsätzlich über vollständige zivile Systemkompetenzen in den genannten Bereichen, welche ausnahmslos auch militärisch genutzt werden können. Zudem entwickelt Liebherr aktuell die Flugsteuerungsrechner der neuesten Generation für die A320-Familie. Das Unternehmen blickt ausserdem auf eine jahrzehntelange Erfahrung als Wartungs-, Instandsetzungs- und Überholungsbetrieb für die Streitkräfte. Es betreut seine eigenen sowie «Third Party»-Produkte über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg.
MBDA ist Weltmarktführer im Bereich der komplexen Waffensysteme und als einzige europäische Gruppe in der Lage, komplexe Waffen zu entwickeln und herzustellen, die alle aktuellen und zukünftigen operativen Erfordernisse der Streitkräfte erfüllen.
MTU Aero Engines ist Systempartner für nahezu alle Luftfahrtantriebe der Bundeswehr. Mit ihrer Kompetenz spielt die MTU eine Schlüsselrolle in den wichtigsten militärischen Triebwerksprogrammen Europas – von der Entwicklung über die Produktion bis hin zur Instandhaltung. Seit mehr als 20 Jahren führt die MTU eine höchst erfolgreiche Instandhaltungskooperation mit der Bundeswehr für das EJ200 (Eurofighter Typhoon), das MTR390 (Tiger) und das RB199 (Tornado).
Rohde & Schwarz ist ein global führender Systemlieferant für sichere Kommunikations-, Netzwerk- und Verschlüsselungstechnologie. Das Unternehmen liefert die resilienten Netzwerkstrukturen für den Datenaustausch in der Combat Cloud sowie hochpräzise Messtechnik für komplexe elektronische Systeme.




