Mit dem Start der Artemis II-Mission beginnt ein weiterer bedeutender Schritt in der Raumfahrtgeschichte. Die zehntägige Mission bringt zum ersten Mal seit der Mondlandung vor über 50 Jahren wieder Menschen in die Nähe des Monds. 

Europa liefert die Energie, die diese Reise ermöglicht

Das European Service Module der ESA ist das Antriebsherzstück des Orion-Raumschiffs. Es versorgt die Astronauten mit Luft und Wasser, liefert über seine vier Solaranlagen Strom, regelt die Temperatur im Raumschiff und sorgt für den Antrieb bei wichtigen Manövern im Weltraum. Das Europäische Servicemodul verfügt über drei Arten von Triebwerken, die zusammenarbeiten und jeweils eine spezifische Rolle während der Mission übernehmen. Ein einziges Haupttriebwerk sorgt für die grossen Geschwindigkeitsänderungen, die erforderlich sind, um Orion in Richtung Mond zu schicken. Es wird von acht Hilfstriebwerken unterstützt, die für Bahnkorrekturen eingesetzt werden und bei Bedarf als Backup für das Haupttriebwerk dienen. Zur präzisen Steuerung werden 24 kleinere Triebwerke des Reaktionskontrollsystems, die in sechs Pods angeordnet sind, eingesetzt, um das Raumfahrzeug zu drehen und auszurichten. Sie werden einzeln oder kombiniert gezündet und ermöglichen es Orion, seine Position mit aussergewöhnlicher Genauigkeit anzupassen. Europäische Ingenieure werden die Mission rund um die Uhr vom Technologie-Zentrum der ESA, dem ESTEC, in den Niederlanden, vom Johnson Space Center der NASA in Houston und vom Europäischen Astronautenzentrum in Köln in Deutschland aus unterstützen.

Einweg-Modul

Während der Mission Artemis II werden die NASA-Astronauten Reid Wiseman, Victor Glover und Christina Koch sowie der CSA-Astronaut Jeremy Hansen eine zehntägige Mondumrundungsmission durchführen. Die Mission endet mit einer Wasserung im Pazifischen Ozean vor der Küste Kaliforniens, USA. Das Europäische Servicemodul wird sich kurz vor der Wasserung des Orion-Besatzungsmoduls abtrennen und in der Atmosphäre verglühen. «Auch wenn kein ESA-Astronaut an diesem Flug teilnimmt, ist die Europäische Weltraumorganisation doch dabei», sagt Daniel Neuenschwander, Direktor für Astronautische und Robotische Exploration bei der ESA. «Die Exzellenz der europäischen Industrie wird durch die entscheidende Rolle unterstrichen, die das Europäische Servicemodul bei dieser und den kommenden Missionen spielen wird. Dieses Know-how ist die Grundlage für künftige Lieferungen im Rahmen der Artemis-Partnerschaft, aber auch für die Erreichung unserer eigenen europäischen Ziele für die Astronautische und Robotische Exploration.»

Wird es ein Rekordflug?

Tatsächlich verfolgt auch der Weltluftsportverband (Fédération Aéronautique International FAI) die Artemis II-Mission mit grossem Interesse. Nach dem aktuellen Kodex des Weltluftsportverbands könnte die Besatzung von Artemis II neue FAI-Weltraumrekorde aufstellen, indem sie höher und weiter fliegt als je zuvor. Greg Principato, Präsident der FAI, und Amy Spowart, Präsidentin und CEO des FAI-Mitglieds National Aeronautic Association (NAA), nehmen am Start von Artemis II teil. Die Rekordversuche werden von der NAA, der Organisation für Luftsportkontrolle in den Vereinigten Staaten, überwacht. Der FAI-Sportkodex, einschliesslich seines von der FAI-Kommission für Raumfahrtrekorde (ICARE) erarbeiteten Abschnitts zur Raumfahrt, legt die Kriterien fest, nach denen alle Weltraumflugrekorde bewertet werden. Die Prüfung von Rekordansprüchen und die Anerkennung daraus resultierender Weltrekorde erfolgen durch die ICARE. «Als Präsident der FAI fühle ich mich geehrt, den Start von Artemis II persönlich miterleben zu dürfen. Diese Mission markiert den Beginn einer neuen Ära in der bemannten Raumfahrt, und ich bin stolz darauf, die erste Frau in der Nähe des Monds reisen zu sehen. Die FAI spielt seit Langem eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung von Weltraumaktivitäten, von der Festlegung der Kármán-Linie bis hin zur Anerkennung und Ratifizierung von Rekorden. Wir freuen uns darauf, alle Rekordleistungen anzuerkennen, die sich aus dieser Mission ergeben», sagt Greg Principato. 

Darum geht es:
Höhenrekord für die Höhe über der Erde in der Erdumlaufbahn (Klasse K2 im Sportkodex): Gemäss der geplanten Flugbahn soll die höchste Höhe über der Erde 70’000 km betragen. Dies wird den aktuellen Weltrekord von 1’369 km übertreffen, der 1966 von Gemini 11 aufgestellt wurde. Der Frauen-Rekord (1’408 km) wurde erst im September 2024 von Sarah Gillis und Anna Menon im Rahmen der Polaris-Dawn-Mission aufgestellt. Durch die Anwesenheit von Christina Koch könnte er aber bereits wieder gebrochen werden.
Entfernung von der Erde (absoluter Raumfahrzeugrekord): Der aktuelle Rekord (377’668,9 km) wird von Frank Borman gehalten und wurde während der Apollo-8-Mission 1968 aufgestellt (Apollo 13 flog weiter – 400’171 km – wurde aber nicht als FAI-Rekord eingereicht). Gemäss dem aktuellen Sportkodex muss ein neuer Rekord den alten um 5 % übertreffen.