Ein Kunstflug hätte seine Pilotenkarriere beinahe beendet, bevor sie überhaupt begann. Als Jugendlicher darf Charly Kistler erstmals in einem Motorflugzeug mitfliegen. Doch statt eines gemütlichen Rundflugs erwartet ihn ein Kunstflugprogramm, das ihm die Freude am Fliegen gründlich verdirbt. Er entscheidet sich zunächst für eine Ausbildung zum Fallschirmgrenadier. Erst Jahre später findet er über die Privatfliegerei und die Tätigkeit als Fluglehrer zurück ins Cockpit. Es ist der Beginn einer Karriere, deren Verlauf er sich selbst kaum hätte ausmalen können.

Im Dienst der Vereinten Nationen

Nach seinen Anfängen als Fluglehrer und Linienpilot bei Crossair führt ihn sein beruflicher Weg 1986 nach Jerusalem. Im Auftrag der Vereinten Nationen übernimmt er die fliegerische Verantwortung für eine Schweizer Fokker F27, mit der UNO-Personal im Nahen Osten transportiert wird.

Die Einsätze verlangen fliegerisches Können, Improvisationsvermögen und starke Nerven. Im Sinai sind abgelegene Landepisten ohne moderne Navigationshilfen zu finden. Noch anspruchsvoller werden die Flüge ins vom Bürgerkrieg gezeichnete Beirut. Ob eine Landung möglich ist, entscheidet sich mitunter erst im Anflug. Beschädigte Infrastruktur, unsichere Verhältnisse und improvisierte Verfahren gehören zum Alltag.

Kistler schildert diese aussergewöhnlichen Erfahrungen mit einer Gelassenheit, die umso mehr beeindruckt, je deutlicher die damaligen Risiken werden.

Wie aus einer Idee Edelweiss wurde

Zurück in der Schweiz wird Kistler Teil einer weiteren bemerkenswerten Luftfahrtgeschichte: der Entstehung von Edelweiss. 1996 übernimmt er die Funktion des Chefpiloten der neu gegründeten Ferienfluggesellschaft. 2002 steigt er zum Geschäftsführer auf.

Unter seiner Mitwirkung entwickelt sich Edelweiss zu einer erfolgreichen Airline mit unverwechselbarer Identität. Kistler begleitet den Ausbau des Streckennetzes, die Entwicklung der Langstrecke und zahlreiche Premieren – darunter den Erstflug nach Las Vegas.

Den Bezug zur fliegerischen Praxis verliert er dabei nie. Auch als CEO sitzt er regelmässig selbst im Cockpit. Das ermöglicht ihm, betriebliche Abläufe aus erster Hand zu beurteilen und den persönlichen Kontakt zu den Besatzungen zu pflegen.

Das «little extra» macht den Unterschied

Was aber ist das Geheimnis seines Erfolgs? Kistlers Antwort hat erstaunlich wenig mit Managementtheorien zu tun. Ihm geht es um Aufmerksamkeit, Wertschätzung und die Bereitschaft, mehr zu tun als das unbedingt Notwendige.

Dieses «little extra» prägt seine Vorstellung von guter Führung ebenso wie die Unternehmenskultur von Edelweiss. Denn ein Unternehmen wird für ihn nicht allein durch gute Prozesse erfolgreich, sondern vor allem durch Menschen, die sich mit ihrer Aufgabe identifizieren und Verantwortung übernehmen.

Flugzeuge bauen statt stillsitzen

Auch nach seiner Pensionierung bleibt die Aviatik Kistlers grosse Leidenschaft. Was mit Modellflugzeugen in der Kindheit begann, führt zum Bau eigener Fluggeräte – darunter ein Kitfox, ein CH7-Helikopter und eine Van's RV-12.

Besonders die Helikopterfliegerei hat es ihm angetan. Mit seinem selbstgebauten CH7 erkundet er die Schweizer Gebirgslandeplätze und erlebt dabei unvergessliche Abenteuer. Inzwischen hat er den Helikopter verkauft und konzentriert sich auf die Flächenfliegerei. Als Bauberater und Erstflugberater gibt er seine Erfahrung weiterhin an andere Flugzeugbauer weiter.

Ein faszinierendes Gespräch über Mut, Verantwortung und unternehmerischen Weitblick. Vor allem aber mit einem Mann, der viel erreicht hat, ohne grosses Aufheben darum zu machen – und dessen Begeisterung fürs Fliegen auch nach Jahrzehnten ungebrochen ist.

Über den Initianten Frank Liemandt

Seit fast 30 Jahren ist Dr. Frank Liemandt in der Luftfahrtbranche tätig – als Geisteswissenschaftler ein Quereinsteiger mit aussergewöhnlicher Laufbahn. Vom Pressesprecher in der Sparte Helikopter über B2B-Sales-Manager für Flugzeugkomponenten und Verkaufsdirektor für Kampfjets bis hin zum Geschäftsführer des Deutschen Hubschrauber Verbands sowie Messeleiter der EUROPEAN ROTORS hat er die Branche aus unterschiedlichsten Perspektiven kennengelernt. Seit 2014 führt er seine eigene Consultingfirma – und setzt sich neuerdings für «Fly me to the top» mit seinen Gästen ins virtuelle Cockpit.

Seit dem Start von «Fly me to the top» Mitte Februar erscheint jeden Donnerstag eine neue Folge mit wechselnden Gästen aus der Luft- und Raumfahrt sowie angrenzenden Bereichen.

COCKPIT ist Medienpartnerin

COCKPIT unterstützt «Fly me to the top» als Medienpartnerin, weil das Format einen Perspektivenwechsel wagt und damit perfekt zur Marke passt: weg von Schlagzeilen, hin zur Substanz.

Damit erweitert sich der redaktionelle Blick – vom geschriebenen Wort zum gesprochenen Dialog.

Die Gespräche sind auf Spotify, YouTube, Amazon Music, Audible, Apple Podcasts und Deezer abrufbar und werden auch über cockpit.aero sowie über die Social-Media-Kanäle von COCKPIT geteilt.

Kopfhörer auf – heute geht es mit Charly Kistler im selbstgebauten Helikopter hoch hinaus. Und auf eine Zeitreise durch ein aussergewöhnliches Kapitel Schweizer Luftfahrtgeschichte!